Blog 2026-08-06
Top 1 für uns: Sicherheit und Verbundenheit
Was ich jedem von euch empfehlen kann – unabhängig davon, wer ihr seid oder was ihr tut: Beschäftigt euch einmal mit der Polyvagal-Theorie von Steve Porges. Es ist faszinierend zu verstehen, dass jeder von uns ein autonomes Nervensystem besitzt, das blitzschnell auf Situationen und mögliche Gefahren reagiert. Ganz ohne uns zu fragen oder zu informieren.
Wer sich einen ersten Überblick verschaffen möchte, dem empfehle ich das Buch Die polyvagale Hausapotheke von Grassmann, H. und Grassmann, L. (2026).
Was mir beim Lesen besonders einleuchtete: Unser autonomes Nervensystem regelt gewissermassen unsere innere Ampel.
- Grün: Alles ist in Ordnung. Wir fühlen uns sicher und verbunden. Das zeigt sich nicht nur in unseren Emotionen, sondern auch in unseren Gedanken. Auch unser Körper ist entspannt, schmerzfrei und frei von Blockaden.
- Orange: Alarmstufe. Es droht Gefahr. Der Sympathikus wird aktiviert. Kampf oder Flucht. Bewegung ist angesagt.
- Rot: Lebensgefahr. Wir erstarren vor Angst. Der Parasympathikus stellt uns sozusagen ab.
So kann es passieren – wie mir kürzlich – , dass ich im totalen grünen Ampelzustand meine Ferienwohnung verliess. Nach einem wunderbaren Mittagsschlaf, einer schönen Tasse Kaffee und einem Stück Schokolade war ich bereit, mich wieder auf meinen Liegestuhl zu legen, den ich bereits am Morgen benutzt hatte, zu lesen und später schwimmen zu gehen.
Als ich mich meinem Liegeplatz näherte, sah ich jedoch, dass sich rund um meine Liege eine Familie breitgemacht hatte. Mit vielleicht zwanzig Zentimetern Abstand zu meinem Platz. Vermutlich waren sie auf der Suche nach Schatten. Die etwa sechs Personen nahmen mich überhaupt nicht wahr und unterhielten sich fröhlich weiter.
Meine innere Ampel sprang von Grün auf Orange. Und zwar schon, bevor ich überhaupt bei meinem Liegestuhl angekommen war.
Ich warf meine Tasche auf die Liege und machte erst einmal einen Spaziergang. Dabei ärgerte ich mich furchtbar über die Frechheit dieser Familie. Danach holte ich meine Schwimmbrille und versuchte, mich beim Schwimmen zu beruhigen. Gleichzeitig übte ich gedanklich bereits Sätze wie: «So eine Unverschämtheit von Ihnen!» Oder ich stellte mir vor, wie ich demonstrativ meinen Liegestuhl wegziehen würde.
Am Abend las ich dann in der Polyvagalen Hausapotheke, warum ich zuerst spazieren und danach schwimmen gegangen war. Der Sympathikus hatte zunächst die Flucht ergriffen und sich anschliessend innerlich auf den Kampf vorbereitet. Als ich vom Schwimmen zurückkam, packte die Familie gerade zusammen und zog mit Kinderwagen, Zelt und gefühlten zehn Badetüchern weiter.
Was ich dabei ebenfalls begriffen habe: Eigentlich wende ich diese Theorie bereits seit rund fünfzehn Jahren an – ohne sie so genannt zu haben.
An allen ersten Kurstagen meiner Lehrgänge habe ich immer betont: Die Didaktik des Anfangs ist entscheidend. Menschen brauchen Sicherheit und das Gefühl, dazuzugehören. Genau das habe ich mit speziellen didaktischen und methodischen Ideen jeweils bewusst gestaltet.
Was passierte? Teilnehmende, die mit einer inneren orangen Ampel den Kursraum betraten – geprägt von schlechten Schulerinnerungen, Versagensängsten oder dem Gefühl, fremd zu sein –, konnten sich zunehmend beruhigen. In fast jedem Lehrgang gelingt es mir, dass eine ganze Klasse am Ende des ersten Tages mit einer grünen Ampel nach Hause geht.
Was ich meinen Kursleiterinnen und Kursleitern seit Jahren vermittle und selbst konsequent umsetze, finde ich nun theoretisch wunderbar begründet in der Polyvagal-Theorie wieder.
Die Verbundenheit mit anderen ist ein biologischer Imperativ.
«Das menschliche Neugeborene ist völlig hilflos. Um zu überleben, ist es auf Schutz und Bindung angewiesen.» (Porges, 2027, S. 54)
Das bedeutet: Wir suchen unser ganzes Leben lang nach Bindung und nach Sicherheit. Egal, wo wir sind.
Wenn ich also in einem Schulungsraum einen Safe Space schaffen kann, in dem sich jede teilnehmende Person zugehörig und verbunden fühlt, dann hat das eine enorme Wirkung auf das Lernen.
Schliesslich ist Lernen immer ein Abenteuer. Wir verlassen unsere Komfortzone. Wir machen uns auf den Weg, Neues zu entdecken. Wie viel leichter fühlt sich dieser Weg an, wenn wir ihn in einer Gruppe gehen dürfen, die sich gegenseitig unterstützt, hilft und wertschätzend miteinander verbunden ist.
Und genau diese Idee funktioniert nicht nur in Schulungen. Sie wirkt ebenso in Teams, in der Führung, in Partnerschaften oder in der Erziehung.
Überall dort, wo Menschen miteinander unterwegs sind.
Herzliche Inspirationsgrüsse
Maya Onken
